Château Guillaume — und warum das Nachtreich nie nur dunkel war

Wer Der Prinz des Nachtreichs liest, erwartet vermutlich Schatten, Geheimnisse und Wesen, die nachts durch Wälder streifen, weil das Tageslicht sie verbrennen würde.

Was die wenigsten erwarten, ist ein Schloss wie Château Guillaume.

Vielleicht, weil ich selbst schon als Kind eine Schwäche für solche Orte hatte.

Ich war dreizehn, als ich zum ersten Mal das Schloss von Versailles besuchte. Dann las ich die Angélique-Bücher und darin wurde immer dieses kleine Schloss Plessis beschrieben, das im Wald von Monteloup stand und nur einmal im Jahr aus seinem Dornröschenschlaf erwachte, wenn der Marquis dort mit seinen Freunden für eine Jagd quartierte.
Das kleine weiße Märchenschloss, das auch Angélique als Kind faszinierte.

Ich konnte Angélique so gut nachfühlen! Als ich die Schlösser der Loire besichtigte, wurde es noch intensiver. Vor allem Ussé und Chenanceaux fand ich toll.

Ich weiß noch genau, wie ich dort stand und dachte, dass ich eigentlich viel lieber allein durch dieses Schloss streifen würde. Türen öffnen. Verstecken spielen. Einmal auf den Speicher klettern und alte Truhen durchwühlen. Mit den Fingern über Holzwände fahren und prüfen, ob irgendwo ein geheimer Mechanismus verborgen ist. Und damals war ich schon dreißig.

Und ich glaube, genau daraus ist das Château Guillaume entstanden.

Nicht als düsteres Fantasy-Schloss. Sondern als ein Ort voller Sehnsucht. Ein Ort, der all diese romantischen Vorstellungen kennt, die viele heimlich mit sich herumtragen. Für so viele LeserInnen ist Hogwarts so ein Sehnsuchtsort: Ein riesige Burg voller Magie, in der man – wenigstens in den ersten sechs Bänden – geschützt und sicher ist und trotzdem tolle Abenteuer erlebt.

Château Guillaume hat mehr was von eine Königsschloss, das für Prinzessinnen erbaut wurde (vielleicht waren auch manche Disney-Filme Vorbild … )

Lettys Kleiderschrank dort enthält keine gewöhnliche Kleidung. Dort hängen Regency-Roben wie aus einem Jane-Austen-Roman. Tudor-Kleider, aus schweren Stoffen, die einen zu einer königlichen Haltung zwingen. Viktorianische Mäntel für neblige Kaiufer. Mittelalterliche Gewänder, in denen man beim königlichen Ball Quadrillen tanzt.

Für Letty war Château Guillaume immer ihr Zuhause. Sie ignorierte die Gefahren des Nachtreichs, weil dieses Märchenschloss ihr geschützter Raum war.

Wenn ich ehrlich bin, bin ich ein bisschen neidisch. Denn Letty durfte dort meinen Kleinmädchentraum leben …

 

Vielleicht lieben wir Märchenschlösser deshalb bis heute so sehr. Weil ein Teil von uns immer hofft, dass hinter irgendeiner verborgenen Tür doch noch Magie wartet.

Im zweiten Band wird Letty begreifen, dass selbst Märchenschlösser Geheimnisse haben. Manche Türen im Château Guillaume wurden nicht ohne Grund verschlossen. Und manche Geschichten schlafen dort schon sehr viel länger, als Letty ahnt …

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