Illustration eines Kindes, das in einem Buch liest, mit dem Hinweis „Lesezeit – wenige Minuten reichen“

Mein Kind liest nicht – was kann ich tun?

Illustration eines Kindes, das in einem Buch liest, mit dem Hinweis „Lesezeit – wenige Minuten reichen“

Mein Kind liest nicht - was kann ich tun?

Warum Bücher gegen TikTok, YouTube und Smartphone verlieren – und wie gemeinsame Lesezeiten die Freude am Lesen zurückbringen.

Du liest selbst gern. Vielleicht hast du als Kind Bücher verschlungen, unter der Bettdecke weitergelesen und konntest es kaum erwarten, nach der Schule wieder in deine Geschichte einzutauchen.

Und dein Kind?

Es packt freiwillig kaum ein Buch an. Stattdessen läuft der Fernseher, das Tablet liegt griffbereit und auf dem Smartphone wartet die nächste Ablenkung: TikTok, YouTube, Snapchat oder irgendein Spiel, das garantiert spannender wirkt als bedrucktes Papier.

Vielleicht merkst du die Folgen bereits bei den Hausaufgaben. Dein Kind liest Aufgabenstellungen nur flüchtig, übersieht wichtige Wörter oder beginnt zu rechnen und zu schreiben, bevor es überhaupt verstanden hat, was gefragt ist.

Und vor allem würdest du ihm so gern all die Geschichten eröffnen, die du selbst als Kind geliebt hast. Diese anderen Welten, die Abenteuer, das Herzklopfen und das wunderbare Gefühl, in einem Buch vollkommen zu verschwinden.

Doch warum liest dein Kind nicht?

Die Antwort lautet meistens nicht: „Weil es Geschichten nicht mag.“

Kinder und Jugendliche wachsen heute mit einer enormen Konkurrenz zum Buch auf:

Smartphones sind immer verfügbar. Ein Griff genügt, und schon wartet Unterhaltung.

TikTok, YouTube und Snapchat liefern schnelle Reize. Alle paar Sekunden geschieht etwas Neues. Ein Buch verlangt dagegen zunächst Ruhe und Aufmerksamkeit.

Spiele belohnen sofort. Punkte, Erfolge, neue Level – beim Lesen entsteht die Belohnung langsamer.

Serien und Videos nehmen dem Kind die Vorstellung ab. Bilder, Stimmen und Musik sind bereits vorhanden. Beim Lesen muss das Gehirn die Welt selbst erschaffen.

Ständige Benachrichtigungen unterbrechen die Konzentration. Wer alle paar Minuten aufs Display schaut, findet kaum tief in eine Geschichte hinein.

Lesen wird häufig mit Schule verbunden. Arbeitsblätter, Pflichtlektüren, Fragen zum Text und Bewertungen lassen Bücher wie eine weitere Aufgabe wirken.

Manchmal ist schlicht das falsche Buch im Spiel. Nicht jedes Kind liebt dieselben Geschichten – und das Buch, das wir selbst großartig fanden, muss nicht automatisch unser Kind begeistern.

Wenn Lesen anstrengend ist, wird es vermieden. Wer langsam liest oder häufig den Sinn eines Satzes verliert, greift lieber zu einer Beschäftigung, die leichter zugänglich ist.

Was hilft?

Eine feste gemeinsame Lesezeit.

Schon 20 Minuten täglich können einen Unterschied machen. Dabei muss dein Kind nicht die ganze Zeit selbst lesen. Du kannst ihm vorlesen – auch dann noch, wenn es längst in der weiterführenden Schule ist.

Kindern und Jugendlichen kann man problemlos bis etwa 14 Jahre vorlesen. Viele mögen es sogar sehr, wenn die Geschichte zu ihnen passt. Sie würden es nur vermutlich niemals vor ihren Freunden zugeben. Teenager haben schließlich einen Ruf zu verlieren.

Bietet älteren Kindern ruhig einmal einen Krimi oder einen spannenden Roman für Erwachsene an. Kinder wollen „groß“ sein – und Teenager möchten sich erst recht nicht mehr bevormunden lassen. Ein Buch, das eigentlich für Erwachsene gedacht ist, kann deshalb sehr viel reizvoller sein als eine ausdrücklich pädagogische Jugendlektüre.

Das gilt allerdings nur, wenn die Geschichte sie wirklich packt. Mit „Andorra“, Goethe oder Dürrenmatt würde ich bis zur Oberstufe warten. Wer Jugendliche ausgerechnet mit schwer zugänglicher Pflichtlektüre fürs Lesen begeistern will, erreicht häufig das Gegenteil: Das schreckt selbst diejenigen ab, die Geschichten eigentlich lieben.

Sucht gemeinsam eine Geschichte aus. Abenteuer, Fantasy, Krimi, Freundschaft, Liebe, Sport, Humor, Comics oder Graphic Novels – erlaubt ist, was Neugier weckt. Es gibt mittlerweile so viele Bücherschränke, wo kostenfrei Bücher angeboten werden.

Für kleinere Kinder bietet die Stiftung Lesen eine besonders praktische Hilfe: 

Auf einfachvorlesen.de findet ihr kostenlos Vorlesegeschichten, die ihr direkt auf dem Smartphone, Tablet oder Computer öffnen könnt. So lässt sich das Vorlesen unkompliziert ausprobieren – auch dann, wenn gerade kein passendes Kinderbuch zur Hand ist.

Es geht zunächst nicht darum, ein pädagogisch besonders wertvolles Buch abzuhaken. Es geht darum, Freude an Geschichten entstehen zu lassen.

Legt eine feste Zeit fest: nach dem Abendessen, vor dem Schlafengehen oder am Sonntagnachmittag. Das Smartphone bleibt für diese 20 Minuten außer Reichweite. Du liest vor, ihr wechselt euch ab oder dein Kind hört einfach zu.

Kein Abfragen. Kein Test. Keine Inhaltsangabe.

Ihr könnt über die Geschichte sprechen, Vermutungen anstellen, lachen oder gemeinsam überlegen, wie es weitergeht. Aber die Lesezeit darf vor allem eines sein: eine schöne gemeinsame Zeit.

Und ein Aufruf an alle Pädagoginnen und Pädagogen:

Bitte lest vor – in Kitas, Grundschulen und auch in weiterführenden Schulen. Vorlesen ist keine Beschäftigung nur für kleine Kinder. Es hilft dabei, Ruhe in eine Gruppe zu bringen, Aufmerksamkeit zu bündeln und Kinder an längere Geschichten heranzuführen. Gleichzeitig lernen sie neue Wörter, Satzstrukturen und Erzählweisen kennen, ohne dass daraus sofort eine benotete Aufgabe werden muss.

Auch zehn oder zwanzig Minuten am Beginn einer Unterrichtsstunde können ein festes Ritual werden. Die richtige Geschichte kann selbst Kinder erreichen, die von sich behaupten, Bücher grundsätzlich langweilig zu finden.

Lesen beginnt nicht immer damit, dass ein Kind selbst ein Buch aufschlägt.

Manchmal beginnt es damit, dass jemand sagt: „Komm, ich lese dir etwas vor.“

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Denn Geschichten sind viel zu wertvoll, um sie allein dem Algorithmus zu überlassen.

Herzlich
Sandra